Eine WordPress-Website begleitet ein Unternehmen häufig viele Jahre. In dieser Zeit entstehen individuelle Anpassungen, zusätzliche Plugins, Schnittstellen, Tracking-Lösungen und nicht selten auch technische Abhängigkeiten, die von außen zunächst nicht sichtbar sind.
Soll die betreuende Agentur oder der Entwickler gewechselt werden, ist deshalb eine strukturierte technische Übergabe wichtiger als ein möglichst schneller Start mit Änderungen.
Eine gute Übernahme beginnt mit Verstehen.
Was gehört zu einer WordPress-Website wirklich dazu?
Auf den ersten Blick besteht eine Website aus WordPress, einem Theme und einigen Plugins. In der Praxis gehört häufig deutlich mehr dazu:
- WordPress-Installation und Datenbank
- individuelles oder angepasstes Theme
- Plugins und Eigenentwicklungen
- Medien und Uploads
- Hosting und Serverkonfiguration
- Domain und DNS
- SSL-Zertifikate
- E-Mail-Versand
- Cronjobs und geplante Aufgaben
- Tracking und Consent Management
- externe APIs und Schnittstellen
- CDN- oder Caching-Dienste
- Lizenzkonten und Update-Zugänge
- Backups und Wiederherstellungsprozesse
Diese Bestandteile müssen nicht beim selben Anbieter liegen. Genau deshalb reicht es bei einem Agenturwechsel nicht aus, lediglich einen WordPress-Administrator anzulegen.
1. Zugänge vollständig zusammentragen
Am Anfang steht eine Bestandsaufnahme aller benötigten Zugänge.
Dazu gehören insbesondere WordPress, Hosting, SFTP oder SSH, Datenbank, Domainverwaltung und gegebenenfalls DNS. Auch externe Dienste sollten erfasst werden.
Wichtig ist dabei die Frage: Welche Konten gehören dem Unternehmen selbst und welche wurden von der bisherigen Agentur angelegt?
Langfristig sollten zentrale Infrastruktur und geschäftskritische Dienste möglichst unter der Kontrolle des Unternehmens bleiben. Eine Agentur erhält dann die notwendigen Berechtigungen, bleibt aber nicht alleiniger Inhaber wichtiger Konten.
2. Vor Änderungen ein vollständiges Backup erstellen
Bevor Updates, Optimierungen oder Umbauten vorgenommen werden, sollte der aktuelle Stand gesichert werden.
Ein vollständiges Backup umfasst mindestens:
- Dateien
- Datenbank
- Uploads
- relevante Server- und Konfigurationsdateien
Entscheidend ist nicht nur, dass ein Backup existiert. Es muss im Ernstfall auch wiederhergestellt werden können.
Gerade bei lange gewachsenen WordPress-Projekten können Veränderungen unerwartete Folgen haben. Eine saubere Ausgangssicherung schafft deshalb die Grundlage für alle weiteren Arbeiten.
3. Theme und individuelle Entwicklungen prüfen
Nicht jede Funktion einer WordPress-Website stammt aus einem Plugin.
Individuelle Themes enthalten häufig eigene Funktionen, Templates, ACF-Felder, JavaScript-Komponenten oder Integrationen mit externen Systemen. Zusätzlich können projektspezifische Plugins vorhanden sein.
Vor einer Überarbeitung sollte deshalb geklärt werden:
- Welche Funktionen wurden individuell programmiert?
- Welche Komponenten sind weiterhin notwendig?
- Welche Abhängigkeiten bestehen?
- Gibt es veraltete Bibliotheken?
- Werden Funktionen mehrfach oder unnötig kompliziert umgesetzt?
- Ist der Code auch künftig wartbar?
Gerade dieser Teil entscheidet häufig darüber, ob eine bestehende Website problemlos weitergeführt werden kann oder zunächst technisch konsolidiert werden sollte.
4. Plugins und Lizenzen nicht einfach übernehmen
Ein Plugin kann weiterhin funktionieren, obwohl dafür längst keine gültige Lizenz mehr vorhanden ist.
Das fällt häufig erst beim nächsten größeren Update auf.
Deshalb sollten bei der Übernahme nicht nur die installierten Plugins betrachtet werden. Auch die dazugehörigen Update- und Lizenzmodelle müssen geprüft werden.
Gleichzeitig ist ein Agenturwechsel ein guter Zeitpunkt, den Plugin-Bestand zu hinterfragen. Nicht jede Erweiterung, die irgendwann installiert wurde, wird heute noch benötigt.
Weniger Abhängigkeiten bedeuten in vielen Fällen auch weniger Wartungsaufwand und eine besser kontrollierbare technische Basis.
5. Hosting und Serverumgebung verstehen
WordPress endet nicht im WordPress-Backend.
PHP-Version, Webserver, Datenbank, Cronjobs, Caching, Speicherlimits und weitere Servereinstellungen können direkten Einfluss auf Funktion und Performance einer Website haben.
Deshalb sollte zunächst dokumentiert werden, wie die Website aktuell betrieben wird, bevor ein Hostingwechsel oder größere technische Änderungen geplant werden.
Ein Umzug auf einen neuen Server ist nicht automatisch notwendig. Manchmal ist die bestehende Infrastruktur vollkommen ausreichend und muss lediglich sauber dokumentiert und betreut werden.
6. Externe Dienste und Schnittstellen erfassen
Viele Abhängigkeiten sind im Frontend kaum sichtbar.
Typische Beispiele sind:
- Newsletter-Systeme
- CRM-Schnittstellen
- Formularversand
- Karten
- Terminbuchungen
- Zahlungsanbieter
- Shop-Systeme
- Analytics
- Consent Management
- externe APIs
Bei einem Agenturwechsel sollten diese Verbindungen systematisch erfasst werden.
Besonders wichtig sind dabei API-Keys und Zugangsdaten. Sie sollten nachvollziehbar einem Unternehmen oder Dienst zugeordnet sein und nicht unkontrolliert in Themes, Plugins oder alten Benutzerkonten verbleiben.
7. Updates erst nach der Bestandsaufnahme
Eine ältere WordPress-Installation direkt nach der Übergabe komplett zu aktualisieren klingt zunächst sinnvoll. Bei gewachsenen Projekten kann genau das jedoch Probleme verursachen.
Ein altes Theme kann beispielsweise mit einer neuen PHP-Version nicht kompatibel sein. Ein Plugin kann eine nicht dokumentierte Individualisierung enthalten. Oder eine externe Schnittstelle funktioniert nur mit einer bestimmten Implementierung.
Deshalb gilt:
Erst verstehen, dann aktualisieren.
Bei umfangreicheren Websites bietet sich dafür eine getrennte Test- oder Staging-Umgebung an. Dort lassen sich Updates und Änderungen prüfen, bevor sie die öffentlich erreichbare Website betreffen.
8. SEO, Tracking und Weiterleitungen nicht vergessen
Technische Funktionen sind nur ein Teil der Website.
Auch bestehende Suchmaschinen-Rankings und Messsysteme müssen bei einer Übernahme berücksichtigt werden.
Zu prüfen sind unter anderem:
- Seitentitel und Meta Descriptions
- Canonical URLs
- Weiterleitungen
- XML-Sitemap
- robots.txt
- strukturierte Daten
- Analytics
- Consent-Einstellungen
- Search Console und weitere Webmaster-Werkzeuge
Besonders bei einem anschließenden Relaunch ist dieser Bestand wichtig. Bestehende URLs sollten nicht ohne Grund verändert werden und notwendige Weiterleitungen müssen geplant werden.
Was passiert, wenn keine Dokumentation vorhanden ist?
Das ist bei bestehenden Websites keine Seltenheit.
Eine fehlende technische Dokumentation bedeutet nicht automatisch, dass die Website neu entwickelt werden muss. Viele Informationen lassen sich aus Installation, Serverkonfiguration und Quellcode rekonstruieren.
Die Übernahme benötigt dann allerdings etwas mehr Analyse.
Das Ziel sollte sein, aus einem möglicherweise historisch gewachsenen System wieder einen nachvollziehbaren und betreubaren technischen Stand zu machen.
Agenturwechsel oder direkt Relaunch?
Auch diese Entscheidung sollte erst nach der Bestandsaufnahme getroffen werden.
Eine bestehende Website muss nicht automatisch ersetzt werden, nur weil sie technisch einige Jahre gewachsen ist. Häufig können gezielte Modernisierungen wirtschaftlicher sein als eine komplette Neuentwicklung.
Umgekehrt kann ein Relaunch sinnvoll werden, wenn beispielsweise Theme, technische Basis und Inhaltsstruktur so stark voneinander abhängig sind, dass einzelne Reparaturen dauerhaft mehr Aufwand verursachen würden.
Eine technische Analyse schafft die Grundlage für diese Entscheidung.
Eine saubere Übernahme schafft Unabhängigkeit
Eine gute technische Betreuung sollte nicht dazu führen, dass ein Unternehmen dauerhaft von einer einzelnen Agentur abhängig wird.
Dokumentierte Zugänge, nachvollziehbare Entwicklungen, funktionierende Backups und eine übersichtliche Infrastruktur machen eine Website langfristig besser wartbar – unabhängig davon, wer sie betreut.
Genau deshalb ist eine strukturierte Website-Übernahme mehr als eine administrative Übergabe.
Sie ist die Gelegenheit, den technischen Bestand zu verstehen, Risiken zu erkennen und eine belastbare Grundlage für die weitere Entwicklung der Website zu schaffen.



